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Qian Yuan

Qian Yuan

Der Garten der Dichter und Gelehrten

Ein Zugang zum Verständnis dieses Kleinods eröffnet die „Sage vom Pfirsichblütenquell“, die von dem berühmten chinesischen Dichter Tao Yuan Ming (365-427) stammt. Darin gelangt ein Fischer durch Zufall in die Felslandschaft des Pfirsichblütenquells. Dabei handelt es sich um eine ideale Welt, in der die Menschen ein zufriedenes und glückliches Leben führen. Man weiß nicht, ob später noch jemand den Wegweisern des zurückgekehrten Fischers gefolgt ist, um in dieses paradiesische Land zu gelangen und heute fragt schon niemand mehr nach dem Weg dorthin.
Über zahlreiche liebevolle Details entfaltet sich vor dem Betrachter ein immer wieder neu wahrzunehmendes Kunstwerk. In den Mauern dieses Gartens erahnt man, was der verirrte Fischer im Land des Pfirsichblütenquells einst erlebt haben muss.

 
Chinesische Gärten sind das Ergebnis einer Verschmelzung von Architektur, Malerei, Literatur, Dramatik, Kalligraphie und Bildhauerei, wodurch eine Welt vollkommener Schönheit nach paradiesischem Vorbild nachgebildet wird.

Im Urbild des Schöpfers war der Mensch ein ehrfurchtgebietendes Wesen. Als Hüter des paradiesischen Gartens konnte kein Tier ihm etwas anhaben. Viel ist seitdem geschehen, dass selbst kleinste Lebewesen dem Menschen heute ernsthaft schaden können. In diesem Garten erahnt der Betrachter seine längst vergessene Rolle im Schöpfungsakt.

 

Die Sage vom Pfirsichblütenquell.
Zur Zeit Tai Yüan des Hauses Dsin, da lebte
Ein Mann in Wuling, der vom Fischfang sich ernährte.
Einst fuhr flußauf er.                                                                        kois
Er vergaß, wie weit er schon gefahren.
Da fand er plötzlich einen Pfirsichblütenhain
Das Ufer viele hundert Schritt umsäumend.
Dazwischen stand kein anderer Baum,
Nur Duftgras, frisch und schön,
In das sich Blütenblätter niederstreuten.
Der Fischer war darüber sehr erstaunt.
Er fuhr noch weiter, um des Haines Ende zu erreichen;
Der Hain ging bis zum Quell des Bachs.
Da stand ein Berg.
Und in den Berg, da ging ein kleiner Gang.
Draus schimmerte es hell hervor.
Er ließ sein Boot zurück und trat hinein.
Anfangs war es sehr eng,
Daß grad ein Einzelner hindurchkam.                                                           garten2
Doch als er wenig Schritte vorwärts ging,
Da öffnete sich’s weit und licht.

Das Land war ausgedehnt und eben
Und viele schöne Häuser waren da.
Die Felder waren gut,
Und zwischen schönen Wasserflächen
Standen Maulbeersträucher
Und Bambuspflanzen aller Art.
Viel Pfade kreuzten sich,
Und aus den Dörfern klang
Der Hähne Krähen und der Hunde Bellen:
Und Menschen liefen hin und her und säten aus.
Männer und Frauen trugen Kleider
Ganz wie draußen in der Welt,
Greise im weißen Haar und Kinder mit ihren Zöpfchen:
Alle waren glücklich und zufrieden.                                                                   garten4

Als sie den Fischer sahen,
Da wunderten sie sich.
Sie fragten ihn, woher er komme. Er erzählte alles.
Da nahmen sie ihn mit sich heim, und setzten Wein ihm vor
Und schlachteten zum Mahle Hühner.
Als man im Dorfe von dem Mann vernahm,
Da kamen alle her und fragten.
Sie selbst erzählten:
Vor alter Zeit, als Tsin Schi Huang
Das Land in Unruh’ stürzte,
Da seien ihre Väter
Mit Weib und Kind und allen Nachbarsleuten
In dieses ferne Tal gekommen,
Seitdem sei niemand wieder je hinausgegangen,
So haben sie sich von der Außenwelt getrennt.
Sie fragten, wer jetzt König sei.
Sie wußten nichts vom Hause Han,
Zu schweigen von den Dynastieen We und Dsin.
Der Mann erzählte ihnen alles, was er wußte.                                                                         garten23
Und alle hörten ihm verwundert zu.

Nun wollten alle ihn einmal bei sich zu Gaste haben,
Und alle setzten Wein und Speisen zur Bewirtung vor.
So blieb er ein paar Tage da,
Dann nahm er Abschied.
Die Leute in dem Lande sagten noch,
Es sei wohl nicht der Mühe wert,
Den Menschen draußen davon zu erzählen.

Als er herauskam, fand er auch sein Schiff noch vor
Und ruderte den Weg zurück.
Von Ort zu Ort behielt er alles im Gedächtnis.
Als er den Heimatort erreicht,
Ging zum Beamten er, ihm alles zu erzählen.
Der sandte Leute, mit ihm hinzugehen.
Er suchte nach den Zeichen, die er sich gemerkt.
Dabei verwirrten sie sich bald
Und haben jenen Weg nicht wieder aufgefunden.

In Nanyang lebte später Liu Dsï Ki.                                              garten1
Der war ein tüchtiger Mann.
Als er von der Geschichte hörte,
Da machte er sich frischen Mutes auf.
Doch eh er hinkam, ward er krank und starb.
Seither hat niemand nach dem Weg gefragt. –

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